Die City nach dem Brexit: London passt sich an, Europa zersplittert, New York gewinnt
Mitwirkender: Adrian Forest Einleitung
Das Referendum vom Juni 2016 stellte den größten strukturellen Schock für die City of London seit den „Big Bang“-Reformen der 1980er Jahre dar. Mehr als drei Jahrzehnte lang fungierte London zugleich als nationales Finanzzentrum des Vereinigten Königreichs, als faktisches Großhandels-Bankenzentrum Europas und als einer der wichtigsten Knotenpunkte der globalen Dollar-Finanzwirtschaft. Der Brexit störte diese hybride Stellung. Das Vereinigte Königreich entschied sich, den Binnenmarkt der Europäischen Union zu verlassen und versuchte zugleich, die Vorteile regulatorischer Nähe und Marktzugang zu bewahren, die die Mitgliedschaft zuvor garantiert hatte. Zehn Jahre nach dem Referendum hat sich die Debatte über den finanziellen Brexit zu drei konkurrierenden Erzählungen verfestigt, von denen keine empirisch vollständig geklärt ist.
Die erste ist die Resilienz-Erzählung. Diese Sichtweise, vertreten von Teilen der City of London Corporation und gestützt durch eine zunehmend umfangreiche akademische Literatur, argumentiert, dass London seine zentralen Stärken trotz des Brexit bewahrt habe (Bierbaum und Breen, 2025). Dieser Interpretation zufolge bleibt die City im Devisenhandel, im Clearing von OTC-Zinsderivaten und OTC-Derivaten insgesamt (siehe Tabellen 1 und 2), bei internationalen Rechtsdienstleistungen, im FinTech-Bereich (siehe Tabelle 3) sowie in der grenzüberschreitenden Finanzintermediation dominant (Sarah Hall und Martin Heneghan, 2023, sowie Wójcik et al., 2024). Befürworter betonen die „Klebrigkeit“ (stickiness) von Londons institutionellem Ökosystem, während Branchenvertreter auf die fortbestehende Stärke bei den Exporten globaler Finanzdienstleistungen, bei Risikokapitalinvestitionen und bei ausländischen Finanzdirektinvestitionen verweisen.
Die zweite ist die Erosions-Erzählung. Diese in Brüssel, Frankfurt und Paris — und zunehmend auch innerhalb der City selbst — stärker vertretene Perspektive betont die langsame, aber kumulative Erosion von Londons europäischer Position. Die jährlichen „Brexit and the City“-Berichte von New Financial dokumentieren, dass mehr als 440 Unternehmen Tätigkeiten, Personal oder juristische Einheiten in die EU27 verlagert haben. Mehr als 900 Milliarden Pfund an Bankaktiva sind vom Vereinigten Königreich zu europäischen Tochtergesellschaften übergegangen. Amsterdam überholte London kurz nach dem Brexit im europäischen Aktienhandel; Paris übertraf London bei der Marktkapitalisierung (siehe Tabelle 4); und der Handel mit Euro-Swaps verlagerte sich erheblich in Richtung New York und Kontinentaleuropa. Mainelli selbst hat an anderer Stelle angedeutet, dass die kumulative Beschäftigungswirkung sich letztlich auf nahezu 40.000 Arbeitsplätze belaufen könnte. Das Erosionsargument ist somit kein Argument des Zusammenbruchs, sondern eines der allmählichen Aushöhlung.
Die dritte ist die Erneuerungs-Erzählung. Diese Interpretation argumentiert, dass der Brexit eine Chance zur regulatorischen Neuerfindung geschaffen habe. Durch die Edinburgh Reforms, die Mansion House Reforms und den Financial Services and Markets Act 2023 haben aufeinanderfolgende britische Regierungen versucht, einen flexibleren, innovationsorientierten und international wettbewerbsfähigeren Regulierungsrahmen aufzubauen. Befürworter argumentieren, die Befreiung von EU-Regeln erlaube es dem Vereinigten Königreich, die Regulierung enger an die inländischen Stärken in FinTech, Großhandelsmärkten, grüner Finanzierung und Versicherungswesen anzupassen. Doch drei Jahre nach dem FSMA 2023 bleiben viele dieser Behauptungen eher Erwartungen als empirisch belegte Befunde.
Dieser Beitrag argumentiert, dass alle drei Erzählungen einen Teil einer komplexeren strukturellen Transformation erfassen. Der Brexit hat die City weder zerstört noch unverändert gelassen. Stattdessen ordnete er die europäische Finanzgeografie auf ungleichmäßige und paradoxe Weise neu. Die City verlor die Schlacht der Fragmentierung, gewann jedoch die Schlacht der Spezialisierung. London behielt seine Vormachtstellung in den wertschöpfungsintensivsten Segmenten der internationalen Finanzwirtschaft, während es bei geografisch mobileren Tätigkeiten wie dem Aktienhandel, Börsengängen (IPO, siehe Tabelle 5) und Teilen des Investmentbankings an Boden verlor. Zugleich verhinderte die Fragmentierung über Paris, Frankfurt, Dublin, Amsterdam und Luxemburg die Entstehung eines einheitlichen europäischen Rivalen zu London.
Das umfassendere Paradox besteht darin, dass sich der wichtigste indirekte Nutznießer des Brexit letztlich eher als New York denn als die Europäische Union erweisen könnte. Während es der EU gelang, Teile der Finanztätigkeit aus London zu verlagern, schuf sie keinen konsolidierten europäischen Kapitalmarkt, der mit der finanziellen Tiefe und Liquidität der USA konkurrieren könnte. In diesem Sinne könnte der Brexit sowohl Londons europäische Rolle als auch die umfassenderen Aussichten auf europäische finanzielle Autonomie geschwächt haben.
01 | Drei Erzählungen des finanziellen Brexit 01. Die Resilienz-Erzählung
Die Resilienz-Interpretation entstand teilweise als Reaktion auf frühe Prognosen, wonach der Brexit einen Exodus aus der City of London auslösen würde. Vor dem Referendum prognostizierten Beratungsunternehmen Schätzungen zufolge zehntausende unmittelbare Arbeitsplatzverluste sowie eine groß angelegte Verlagerung von Großhandelsbankgeschäften. Solche Szenarien traten nicht in vollem Umfang ein (Hall und Wojcik, 2021).
Hall und Wójcik (2021) argumentieren, dass Londons Resilienz die Einbettung von Finanzökosystemen widerspiegelt. Finanzzentren hängen nicht nur vom Marktzugang ab, sondern auch von tiefen institutionellen Netzwerken, juristischer Expertise, der Dichte des Arbeitsmarktes, sprachlichen Vorteilen, der Zeitzonenlage und akkumuliertem Reputationskapital. Sie betonen die „funktionale, geografische und institutionelle Klebrigkeit“ (stickiness) von Londons Position im globalen Finanznetzwerk.
Empirisch stützen mehrere Indikatoren die Resilienz-Perspektive. London bleibt den Daten der BIZ-Dreijahresumfrage zufolge das weltweit führende Zentrum des Devisenhandels. Die City behält zudem ihre globale Dominanz im OTC-Derivate-Clearing, insbesondere über LCH. London zieht weiterhin erhebliche FinTech-Investitionen an und bleibt Europas größtes Risikokapital-Ökosystem für Finanztechnologieunternehmen. Die City bleibt zudem ein bedeutendes Ziel internationaler Finanzdirektinvestitionen.
02. Die Erosions-Erzählung
Die Erosions-Perspektive akzeptiert Londons fortbestehende Bedeutung, argumentiert jedoch, dass der Brexit dennoch erheblichen kumulativen Schaden verursacht habe. Die jährlichen „Brexit and the City“-Berichte von New Financial dokumentieren mehr als 440 Unternehmen, die Geschäftstätigkeiten, Personal oder juristische Einheiten in die EU27 verlagert haben. Mehr als 900 Milliarden Pfund an Bankaktiva sind vom Vereinigten Königreich zu europäischen Tochtergesellschaften übergegangen. Frankfurt erwies sich als Hauptnutznießer der Bankenverlagerung; Dublin stärkte seine Position in der Vermögensverwaltung (siehe Tabelle 6) und bei der Fondsdomizilierung; Amsterdam übernahm erhebliche Handelsinfrastruktur-Tätigkeit; während Paris Zugewinne in der Vermögensverwaltung und im Versicherungswesen konsolidierte (Hall und Heneghan, 2021).
Mehrere symbolische Indikatoren verstärkten die Wahrnehmung eines Niedergangs. Amsterdam überholte London kurz nach dem Brexit im europäischen Aktienhandel. Paris übertraf London 2022 bei der aggregierten Marktkapitalisierung. Große Unternehmen entschieden sich zunehmend für Börsengänge in New York statt in London, darunter Arm und CRH. Der Handel mit auf Euro lautenden Swaps verlagerte sich ebenfalls erheblich in Richtung New York und EU-Handelsplätze.
Jüngere empirische Arbeiten untermauern das Argument, dass der Brexit dem Vereinigten Königreich erhebliche langfristige wirtschaftliche Kosten auferlegt hat. Bloom et al. (2025) schätzen, gestützt auf makroökonomische Simulationen wie auf Unternehmensbefragungen, dass „der Brexit bis 2025 das britische BIP um 6 bis 8 Prozent verringert hat, wobei sich die Effekte im Zeitverlauf zunehmend kumuliert haben“. Sie kommen ferner zu dem Schluss, dass die Unternehmensinvestitionen um 12 bis 18 Prozent zurückgingen, während Beschäftigung und Produktivität jeweils um etwa 3 bis 4 Prozent sanken (Bloom et al., 2025). Diese Effekte werden mit der langanhaltenden Unsicherheit nach dem Referendum, dem geschwächten Marktvertrauen, der schwächeren Nachfrage sowie Ineffizienzen in der Unternehmensführung und Ressourcenallokation infolge der langwierigen UK-EU-Verhandlungen in Verbindung gebracht.
Diese Befunde stehen weitgehend im Einklang mit jüngeren Einschätzungen des Office for Budget Responsibility, das davon ausgeht, dass der Brexit die britische Produktivität langfristig um rund 4 Prozent niedriger ausfallen lässt, als sie sonst gewesen wäre — vor allem aufgrund geringerer Handelsintensität und schwächerer Unternehmensinvestitionen. Die kumulative Wirkung höherer Handelsreibungen, von Arbeitskräftemangel und rückläufigen Investitionen hat das britische Wachstum bis weit in die Mitte der 2020er Jahre belastet.
Die Erosions-Perspektive betont zudem die kumulativen Effekte regulatorischer Unsicherheit. Der Brexit schwächte Londons Rolle als natürliches europäisches Einfallstor für internationales Kapital. Das Ende der Passporting-Rechte erhöhte die Compliance-Kosten und führte zu doppelten operativen Strukturen. ESMA und EZB verstärkten zudem den Druck gegen „leere Hüllen“ als Tochtergesellschaften sowie gegen Back-to-Back-Booking-Modelle und förderten damit eine substanziellere Verlagerung von Personal und Funktionen.
Kalaitzake (2022) argumentiert, dass die strukturelle Interdependenz zwischen London und den europäischen Märkten eine unmittelbare Fragmentierung eingeschränkt, langfristige Verlagerungsanreize jedoch nicht beseitigt habe. In ähnlicher Weise legen Petit und Beck (2023) nahe, dass die schrittweise Strategie der EU weniger auf eine plötzliche Rückführung als auf langfristige strategische Autonomie abzielt. Die Erosions-Perspektive deutet den Brexit somit nicht als finanziellen Schock, sondern als langsamen Erosionsprozess, dessen volle Auswirkungen sich möglicherweise erst über ein Jahrzehnt oder mehr zeigen werden (Ryan, 2023).
03. Die Erneuerungs-Erzählung
Die dritte Interpretation versteht den Brexit als Chance zur regulatorischen Neuerfindung.
Die im Dezember 2022 angekündigten Edinburgh Reforms, die Mansion House Reforms und der FSMA 2023 stellen zusammen die ambitionierteste Umgestaltung der britischen Finanzregulierung seit dem Rahmenwerk nach der Krise von 2008 dar. Die Reformen zielten darauf ab, übernommenes EU-Recht aufzuheben, die inländische regulatorische Autonomie zu stärken und die internationale Wettbewerbsfähigkeit der britischen Finanzdienstleistungen zu erhöhen.
Zu den zentralen Elementen zählen Reformen von Solvency II, des Ring-Fencing, der Notierungsregeln, der Prospektpflichten sowie der Regulierung der Großhandelsmärkte. Die Regierung führte zudem ein sekundäres Wettbewerbsfähigkeitsziel für die FCA und die PRA ein. Befürworter argumentieren, der Brexit ermögliche es dem Vereinigten Königreich, ein verhältnismäßigeres und innovationsorientierteres Regime aufzubauen, das den nationalen wirtschaftlichen Prioritäten besser entspricht.
James und Quaglia (2023) konzeptualisieren diese Entwicklungen anhand des Rahmens der differenzierten Ent-Europäisierung und unterscheiden zwischen beabsichtigter Divergenz, passiver Divergenz, gescheiterter Divergenz und Bereichen fortbestehender Angleichung. Moloney (2024) analysiert darüber hinaus das sich entwickelnde britische Drittstaatenregime und die schrittweise Neugestaltung der Marktzugangsstrukturen nach dem Brexit.
Doch die Erneuerungsthese bleibt empirisch schwer zu überprüfen. Viele vorgeschlagene Reformen bleiben unvollständig oder in ihrer praktischen Wirkung verhältnismäßig bescheiden. Zudem könnte die finanzielle Wettbewerbsfähigkeit weniger von Deregulierung abhängen als von tieferliegenden strukturellen Vorteilen wie Marktgröße, Liquidität und geopolitischer Macht. Kritiker warnen zudem, dass Deregulierung die Finanzstabilität schwächen könnte, ohne nennenswertes neues Wachstum zu erzeugen. Die Erneuerungs-Erzählung bleibt daher, zumindest derzeit, eher Erwartung als belegter Befund.
02 | Fragmentierung und Spezialisierung
Das zentrale Argument dieses Beitrags lautet, dass der Brexit auf europäischer Ebene Fragmentierung erzeugt und zugleich Londons Spezialisierung auf global vernetzte Finanzaktivitäten verstärkt hat. Die City verlor die Schlacht der Fragmentierung, gewann jedoch die Schlacht der Spezialisierung. Diese Unterscheidung ist von zentraler Bedeutung, da die Brexit-Effekte zwischen den Finanzsektoren erheblich variierten. London behielt seine Vormachtstellung in Tätigkeiten, die durch tiefe Liquidität, globale Netzwerkeffekte und hohe Verlagerungshürden gekennzeichnet sind. Dazu zählen der Devisenhandel (siehe Tabelle 7), das OTC-Derivate-Clearing, die institutionelle Vermögensverwaltung, internationale Rechtsdienstleistungen sowie weite Teile des FinTech-Sektors. Solche Sektoren profitieren von Agglomerationsvorteilen, die sich anderswo nur schwer rasch reproduzieren lassen.
Demgegenüber verlor London an Boden bei Tätigkeiten, die stärker vom direkten EU-Marktzugang oder von regulatorischen Standortanforderungen abhängen. Dazu zählen der Kassa-Aktienhandel, Teile des Investmentbankings, die Börsengangstätigkeit (IPO) sowie das Versicherungs-Passporting. Das Ergebnis war somit weder ein binärer Sieg noch eine binäre Niederlage, sondern eine sektoral differenzierte Neuordnung der Finanzgeografie.
Bedeutsam ist, dass die Fragmentierung innerhalb der EU die Entstehung eines einzigen dominanten kontinentalen Rivalen verhinderte. Frankfurt konsolidierte Bankenaufsicht und Großhandelsbankfunktionen. Dublin wurde zu einem führenden Zentrum für Fonds und Flugzeugleasing. Amsterdam übernahm Handelsinfrastruktur. Paris stärkte Versicherungswesen und Vermögensverwaltung. Luxemburg behielt seine Rolle im grenzüberschreitenden Fondsgeschäft. Doch keine einzelne Stadt replizierte Londons integriertes Ökosystem.
Howarth und Quaglia (2018) hatten diese Dynamik bereits früh im Brexit-Prozess vorweggenommen und argumentiert, dass der Wettbewerb zwischen den Mitgliedstaaten eine koordinierte europäische Finanzkonsolidierung hemmen würde. Spätere Entwicklungen bestätigten diese Prognose weitgehend.
Die anhaltenden Schwierigkeiten der EU bei der Entwicklung der Kapitalmarktunion verstärkten die Fragmentierung zusätzlich. Die europäischen Kapitalmärkte bleiben national segmentiert, mit uneinheitlichen Insolvenzregimen, Rentensystemen, Steuerstrukturen und Aufsichtskulturen. Der Brexit schwächte somit Londons europäische Rolle, ohne Europas kollektive finanzielle Autonomie umfassend zu stärken (siehe Tabelle 8).
03| New York und die Geopolitik der Finanzmacht
Der größte langfristige Nutznießer des Brexit könnte sich letztlich als New York erweisen (Ryan, 2020).
Diese Möglichkeit erhielt in den frühen Brexit-Debatten unzureichende Aufmerksamkeit, die sich vorrangig auf den Wettbewerb zwischen London und Kontinentaleuropa konzentrierten. Doch mehrere Post-Brexit-Entwicklungen stärkten New Yorks relative Position innerhalb der globalen Finanzwirtschaft (Ryan, 2018).
Erstens verlagerte sich der Handel mit auf Euro lautenden Derivaten zunehmend nicht nur in Richtung der EU, sondern auch in Richtung der US-Märkte. Zweitens bevorzugten große globale Börsengänge zunehmend US-Börsen, aufgrund tieferer Liquidität, größerer institutioneller Investorenbasen und stärkerer Bewertungen. Drittens verstärkte die zunehmende Dominanz des Dollar nach der Rückkehr geopolitischer Rivalität New Yorks systemische Zentralität.
Die Rückkehr der Trump-Administration verstärkte diese Dynamiken weiter. Geopolitische Fragmentierung, Sanktionspolitik und strategischer Wettbewerb verstärkten die Bedeutung der Dollar-Liquiditätsnetzwerke und der US-amerikanischen Kapitalmärkte. Genau in dem Moment, in dem Europa nach größerer finanzieller Autonomie strebte, fragmentierte der Brexit das international wettbewerbsfähigste Finanzökosystem des Kontinents.
Das Paradox ist somit tiefgreifend. Der Brexit wurde teilweise mit Verweisen auf Souveränität und nationale Kontrolle gerechtfertigt (Ryan, 2021). Doch die Fragmentierung der europäischen Finanzwirtschaft könnte die Abhängigkeit von der amerikanischen Finanzinfrastruktur letztlich erhöhen. Die Implikationen reichen über das Wirtschaftliche hinaus. Finanzinfrastruktur fungiert zunehmend als Bestandteil geopolitischer Macht. Clearing-Systeme, Reservewährungen, Sanktionsfähigkeiten und die Tiefe der Kapitalmärkte sind heute integraler Bestandteil der Staatskunst. Aus dieser Perspektive schwächte der Brexit nicht nur Londons europäische Rolle, sondern potenziell auch Europas umfassendere Fähigkeit, finanziell mit den Vereinigten Staaten zu konkurrieren.
Der Brexit verlagerte Londons Finanzdienstleistungstätigkeit nicht schlicht nach Dublin, Paris, Amsterdam oder Frankfurt. Diese Zentren gewannen spezifische Funktionen hinzu: Dublin im Fondsmanagement und bei juristischen Einheiten, Paris bei Handels- und Bankarbeitsplätzen, Amsterdam im EU-Aktienhandel und Frankfurt bei Bankbilanzen und Clearing.
New Financial schätzte, dass mehr als 440 Finanzunternehmen nach dem Brexit Teile ihrer Geschäftstätigkeit, ihres Personals, ihrer Vermögenswerte oder ihrer juristischen Einheiten vom Vereinigten Königreich in die EU verlagert hatten, während die EZB die Zahl später auf nahezu 500 Unternehmen bezifferte. Bruegel schätzt, dass rund 10 % der Aktiva des britischen Bankensektors sowie etwa 40.000 Arbeitsplätze seit dem Brexit in EU-Zentren verlagert wurden, wobei diese Bewegungen jedoch über Paris, Frankfurt, Dublin, Luxemburg und Amsterdam verteilt blieben, statt sich in einem einzigen europäischen Rivalen zu konzentrieren (Hamre und Wright, 2021).
New York hingegen hat seine Position als globales Kommandozentrum der Kapitalmärkte weiter gestärkt. Im im März 2026 veröffentlichten Global Financial Centres Index 39 (siehe Tabelle 9) belegte New York erneut den ersten Platz mit einer Bewertung von 767, London den zweiten mit 766, gefolgt von Hongkong und Singapur (Z/Yen Group und China Development Institute, 2026). Dies ist von Bedeutung, da sich die Macht von Finanzzentren kumulativ aufbaut: Liquidität, Analystenabdeckung, institutionelles Kapital, Bewertungen und die Aufmerksamkeit von Führungskräften verstärken sich gegenseitig. Die Vereinigten Staaten dominieren weiterhin die weltweite Aktienmarktkapitalisierung, die Risikokapitalfinanzierung, die Dollar-Liquidität und die Erträge des Investmentbankings, was Wall Streets strukturellen Vorteil weiter vertieft (BIZ, 2025).
Der 2025 veröffentlichte Bericht „Capital Markets Union Key Performance Indicators“ der AFME ergab, dass die europäische IPO-Tätigkeit 2025 um weitere 23 % zurückging, während die IPO-Tätigkeit in den USA und in wichtigen asiatischen Märkten zugleich erheblich zunahm (AFME, 2025). Jüngste Fälle, etwa die Ankündigung von Wise, die Hauptnotierung von London nach New York zu verlagern, unterstreichen die Anziehungskraft tieferer US-Liquiditätspools, größerer institutioneller Investorenbasen und stärkerer Bewertungsmultiplikatoren.
Für den Zugang zu den Kapitalmärkten ist die Konsequenz konkret: Europäische und britische Unternehmen wenden sich für umfangreiche Eigenkapitalfinanzierungen zunehmend den US-Märkten zu, insbesondere in den Bereichen Technologie, FinTech, Biotechnologie und Wachstumssektoren. Dies kann die Finanzierungsbeschränkungen für erfolgreiche Unternehmen verringern, bedeutet jedoch zugleich, dass europäische Ersparnisse, Börsen und institutionelle Investoren eine geringere Rolle bei der Finanzierung der europäischen Unternehmensexpansion spielen. Der langfristige Effekt besteht darin, dass die international wettbewerbsfähigsten europäischen Unternehmen zunehmend in US-zentrierte Kapitalmarktökosysteme eingebunden werden (Wright et al., 2025).
Für die Finanzierungskosten fällt der Effekt uneinheitlich aus. Große Unternehmen können in New York günstigeres Eigenkapital erlangen, aufgrund tieferer Liquidität, dichterer Analystenabdeckung und höherer Marktbewertungen. Europa als System trägt jedoch strukturelle Kosten. Fragmentierte Märkte, dünnere inländische Pools an Wagnis- und Wachstumskapital sowie schwächere IPO-Exit-Möglichkeiten verringern die Verfügbarkeit von Risikokapital auf dem gesamten Kontinent.
Die AFME berichtete 2025, dass marktbasierte Finanzierung nach wie vor nur rund 13 % der gesamten Unternehmensfinanzierung in der EU ausmachte — weit unter dem Niveau der Vereinigten Staaten —, während die europäische IPO-Emissionstätigkeit historisch gedämpft blieb (AFME, 2025). Mario Draghis Bericht von 2024 zur europäischen Wettbewerbsfähigkeit warnte in ähnlicher Weise, dass fragmentierte Kapitalmärkte Europas Fähigkeit einschränkten, Innovation, Verteidigung, Digitalisierung und den grünen Wandel zu finanzieren (Draghi, 2024).
Für die strategische Autonomie stellt sich das Problem noch schärfer dar. Die EU hat versucht, die Abhängigkeit vom Londoner Clearing durch EMIR 3.0 und Active-Account-Anforderungen zu verringern, während sie zugleich die Äquivalenz für britische zentrale Gegenparteien (CCP) bis zum 30. Juni 2028 verlängerte, um finanzielle Instabilität zu vermeiden. Eurex Clearing berichtete, dass die durchschnittlichen täglich geclearten Volumina im Jahresvergleich 2025 um 35 % zunahmen, was die Bemühungen der EU widerspiegelt, eine eigene Clearing-Kapazität aufzubauen (Eurex, 2026). Doch LCH SwapClear in London verzeichnete zugleich Rekord-Clearingvolumina im zweiten, dritten und vierten Quartal 2025, darunter allein im vierten Quartal 2025 mehr als 539 Billionen US-Dollar an gecleartem Nominalvolumen (LSEG LCH). Dies zeigt, dass London trotz des Brexit tief in die globale Derivateinfrastruktur eingebettet bleibt.
Der Brexit hat ein Paradox erzeugt: London hat einen Teil des auf die EU ausgerichteten Geschäfts verloren, doch Europa hat es nicht vollständig internalisiert. Stattdessen hat die Fragmentierung New York als die tiefste, am stärksten integrierte Alternative attraktiver gemacht. Die strategische Frage lautet daher nicht mehr, ob Paris, Dublin, Amsterdam oder Frankfurt jeweils am Rande Geschäft hinzugewinnen können; sie lautet vielmehr, ob Europa eine hinreichend integrierte Kapitalmarktunion aufbauen kann, um zu verhindern, dass seine Unternehmen, Ersparnisse, Notierungen und Finanzinfrastrukturen zunehmend um die Wall Street kreisen, anstatt um ein wahrhaft autonomes europäisches Finanzsystem (Coben, 2026).
04 | Regulatorische Divergenz und finanzielle Souveränität
Die Debatte über die Finanzregulierung nach dem Brexit spiegelt eine tiefere Spannung zwischen Wettbewerbsfähigkeit und Souveränität wider. Die britische Regierung stellte den FSMA 2023 und die damit verbundenen Reformen als Gelegenheit dar, einen „intelligenteren“ Regulierungsrahmen aufzubauen, der auf nationale Prioritäten zugeschnitten ist (Beck et al.). Doch Divergenz an sich erzeugt nicht automatisch Wettbewerbsvorteile. Vieles hängt davon ab, ob Unternehmen regulatorische Flexibilität höher bewerten als Marktzugang.
Das im Juni 2023 unterzeichnete UK-EU-Memorandum of Understanding zur regulatorischen Zusammenarbeit stellte einen Versuch dar, die Beziehungen nach dem Brexit zu stabilisieren. Das Joint Financial Regulatory Forum hat seither wiederholt getagt und damit einen begrenzten Rahmen für den Dialog geschaffen. Gleichwohl bleibt die Äquivalenz partiell, politisch bedingt und im Vergleich zu den früheren Passporting-Rechten stark eingeschränkt.
EMIR 3.0 verstärkte zugleich die Bemühungen der EU, die Abhängigkeit von der britischen Clearing-Infrastruktur zu verringern. Auch die Reformen von Solvency II divergierten auf beiden Seiten des Ärmelkanals. Diese Entwicklungen deuten darauf hin, dass der regulatorische Wettbewerb zwischen dem Vereinigten Königreich und der EU voraussichtlich ein strukturelles Merkmal der europäischen Finanzwirtschaft bleiben wird. Zugleich bleibt eine vollständige Divergenz unwahrscheinlich. Die globale Rolle der City hängt entscheidend davon ab, Glaubwürdigkeit, Vorhersehbarkeit und Kompatibilität mit internationalen Standards zu wahren. Übermäßige Deregulierung könnte das institutionelle Vertrauen untergraben, das Londons Attraktivität trägt. Die Realität ist somit eine eingeschränkte Divergenz. Der Brexit erweiterte die regulatorische Autonomie des Vereinigten Königreichs, jedoch innerhalb der durch die globale Finanzintegration gesetzten Grenzen. Sollte es zu einem EU-UK-Reset nach dem Brexit kommen, müssten diese finanzpolitischen Fragen angegangen werden (Berg et al., 2025).
Schlussfolgerung
Zehn Jahre nach dem Referendum lässt sich die Wirkung des Brexit auf die City of London nicht durch vereinfachende Erzählungen von Zusammenbruch oder Triumph erfassen. Die Resilienz-Erzählung identifiziert zutreffend Londons fortbestehende Stärken in global vernetzten Finanzaktivitäten. Die Erosions-Erzählung erfasst präzise die kumulative Verlagerung von Tätigkeit, Infrastruktur und institutioneller Präsenz in Richtung der EU27. Die Erneuerungs-Erzählung spiegelt echte Ambitionen zur regulatorischen Neuerfindung wider, wenngleich ihre langfristigen Folgen ungewiss bleiben (Tabelle 10).
Die City verlor nicht ihre globale Rolle, wohl aber ihre unangefochtene europäische Zentralität. Der Brexit ordnete die europäische Finanzgeografie auf ungleichmäßige Weise neu. London behielt seine Führungsposition im wertschöpfungsintensiven internationalen Finanzwesen, während es bei geografisch mobileren Tätigkeiten an Boden verlor. Zugleich verhinderte die Fragmentierung über Paris, Frankfurt, Dublin, Amsterdam und Luxemburg die Entstehung eines einheitlichen kontinentalen Rivalen.
Die umfassendere geopolitische Konsequenz könnte darin bestehen, dass New York als der wichtigste indirekte Nutznießer hervorgegangen ist. In einem Moment, in dem Europa nach größerer strategischer Autonomie strebte, schwächte der Brexit das global am stärksten integrierte Finanzzentrum des Kontinents, ohne eine kohärente Alternative zu schaffen.
Der Brexit zerstörte die City of London somit nicht. Er verwandelte sie von Europas unangefochtener Finanzhauptstadt in einen stärker spezialisierten globalen Finanzknotenpunkt, der zwischen einem fragmentierten Europa und einem zunehmend dominanten New York operiert.
Tables
Table 1. OTC Interest-Rate Derivatives Trading (2025) A. IRD by Instrument, UK Share (2025) B. Top EU IRD Centres (2025) C. IRD UK Market Share Time Series
Table 2. OTC Derivatives Clearing Infrastructure Sources
- LCH, LCH SwapClear Q4 2025 Highlights (London: London Stock Exchange Group, 2026), accessed June 2, 2026, https://www.lseg.com/content/dam/post-trade/en_us/documents/lch/resources/lch-swapclear-q4-2025-highlights.pdf
- Eurex, “Full Year and December 2025 Figures at Eurex,” news release, January 2026, accessed June 2, 2026, https://www.eurex.com/ex-en/find/news-center/news/Full-year-and-December-2025-figures-at-Eurex-4891494
- European Securities and Markets Authority (ESMA), EU Derivatives Markets 2023, ESMA Market Report ESMA50-524821-2930 (Paris: ESMA, 2023), accessed June 2, 2026, https://www.esma.europa.eu/sites/default/files/2023-12/ESMA50-524821-2930_EU_Derivatives_Markets_2023.pdf
Table 3. FinTech and Innovation Ecosystems Sources
- KPMG. 2025. Pulse of Fintech H2 2024. February 2025. https://kpmg.com/uk/en/media/press-releases/2025/02/uk-fintech-investment-hits-four-year-low-but-remains-european-leader.html
- Z/Yen Group and China Development Institute. 2026. The Global Financial Centres Index 39. London: Long Finance, March 26, 2026. https://www.longfinance.net/media/documents/GFCI_39_Report_2026.03.26_v1.1.pdf
- KPMG. 2026. Pulse of Fintech H2 2025. February 2026. https://assets.kpmg.com/content/dam/kpmgsites/uk/pdf/2026/02/pulse-of-fintech-global-analysis.pdf
- Ernst & Young (EY). 2025. “London Stock Market Ends 2024 on a High after Q4 Boost.” EY UK, January 2025. https://www.ey.com/en_uk/newsroom/2025/01/london-stock-market-ends-2024-on-a-high-after-q4-boost
- World Federation of Exchanges (WFE). 2025. FY 2024 Market Highlights. February 10, 2025. https://wfe-live.lon1.cdn.digitaloceanspaces.com/org_focus/storage/media/Cally%20Billimore/WFE%20FY%202024%20Market%20Highlights%20Report%2010022025.pdf
Table 4. Equity-Market Geography After Brexit Sources
- Bloomberg. 2022. “London Loses Crown as Europe’s Biggest Stock Market to Paris.” November 14, 2022. https://www.bloomberg.com/news/articles/2022-11-14/london-loses-its-crown-of-biggest-european-stock-market-to-paris
- Bloomberg. 2024. “Paris Loses Crown as Europe’s Biggest Equity Market to London.” June 17, 2024. https://www.bloomberg.com/news/articles/2024-06-17/paris-loses-crown-as-europe-s-biggest-equity-market-to-london
- FXStreet. 2021. “Amsterdam Surpasses London as Share Centre.” February 12, 2021. https://www.fxstreet.com/analysis/amsterdam-surpasses-london-as-share-center-202102121130
- Cboe Global Markets. 2024. “Amsterdam Maintains Post-Brexit Status as Europe’s Share Trading Hub.” Reported in City A.M., March 2024. https://www.cityam.com/amsterdam-maintains-post-brexit-status-as-europes-share-trading-hub/
- European Securities and Markets Authority (ESMA). 2025. “Fragmentation in European Equity Markets since 2019.” ESMA Working Paper ESMA50-524821-3352, September 17, 2025. https://www.esma.europa.eu/sites/default/files/2025-09/ESMA50-524821-3352_Working_Paper_Fragmentation_in_European_Equity_Markets_since_2019.pdf
Table 5. IPO and Listings Competitiveness
Note on “European firms shifting toward US markets”: New Financial / HSBC Global Research (2025) identified 130 European companies (UK, EU, Switzerland, Norway, Iceland) that moved their primary US listing over 2015–24, worth a combined $676bn at the time of the move — of which 51 UK firms ($272bn). The report finds the trend more pronounced than expected yet less concerning than thought,
calls the “exodus” narrative overblown, and notes 70% of the movers trade below their listing price. It identifies the public-to-private shift (>1,000 European delistings, >$1tn) as a far bigger threat. Counterpoint: the ECB (2024)(3) finds M&A, not transatlantic flight, is the primary driver of European delistings.
Sources
- Anani, Karim. 2025. EY Global IPO Trends 2025. Ernst & Young, December 17, 2025. https://www.ey.com/en_pt/insights/ipo/trends
- Wright, William, James Thornhill, Christopher Breen, and Matilda Hames. 2025. A Reality Check on International Listings. London: New Financial, in partnership with HSBC Global Research, April 2025. https://www.newfinancial.org/reports/a-reality-check-on-international-listings - European Central Bank (ECB). 2024.
Table 6. Institutional Asset Management
GTPO Comment: Figures reconciled to EFAMA, ICI and IA primary sources; the “Europe” column (€33.7tn) is measured by management location and includes the UK and Switzerland, so it overlaps the UK column and the two should not be summed.
…the piece continues at the source.